"Lex Katar" | Verlag Die Werkstatt Direkt zum Inhalt
blog vom 11.12.2020

"Lex Katar"

Von Dietrich Schulze-Marmeling

Nun also noch das: Katar darf – außer Konkurrenz – in der europäischen WM-Qualifikation mitspielen. Zwecks Vorbereitung auf das Turnier im Emirat. Ursprünglich war überlegt worden, den WM-Ausrichter an der Asien-Qualifikation teilnehmen zu lassen – auch hier außer der Konkurrenz. Aber Europa eignet sich noch besser, um echte Wettkampferfahrung sammeln zu können. Für Katar ist Europa aber vermutlich auch „werbetechnisch“ wichtiger als Asien.

Bislang wurde noch keinem anderen WM-Ausrichter dieses Privileg eingeräumt. Weshalb zu Recht von einer „Lex Katar“ die Rede ist. Nichts gegen „Fußball-Entwicklungshilfe“. Aber in deren Genuss sollten Länder kommen, in denen viele Menschen viel Fußball spielen, aber wenig Geld vorhanden ist. Hier könnte die FIFA ihre Millionengewinne aus dem Turnier gut einsetzen.

Weltmeisterschaft 2022 Katar
Erscheint im Frühjahr 2021:
"Boykottiert Katar!" von
Bernd Beyer und 
Dietrich Schulze-Marmeling

Die Privatisierung des Weltfußballs und der FIFA schreitet weiter voran. Katar ist ein bedeutender Finanzier des Weltfußballs, dem der Weltverband keinen Wunsch verwehren kann. Andreas Rettig: „Man sieht, dass sich in der heutigen Zeit mit Kapitaleinsatz jede Grenze verschieben lässt.“

Katar wird von einer Familie regiert. Erstmals in der Geschichte des WM-Turniers wurde dessen Austragung an eine Familie bzw. einen Clan vergeben. Die FIFA-Führung ist auch eine Familie, ein Clan – ähnlich der Mafia. (Leseempfehlung: Thomas Kistner: „FIFA-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“). Wie 11 Freunde kürzlich dokumentierte, wurden 21 der 22 FIFA-Männer, die seinerzeit über die Vergabe der Turniere nach Russland und Katar entschieden, anschließend mit Korruption und Betrug in Verbindung gebracht. Ein Gruselkabinett. Einige musste die FIFA sperren (eigentlich hätte sie die Entscheidung pro Katar rückgängig machen müssen), einige waren schon vor der Entscheidung als Kriminelle auffällig geworden – so Chuck Blazer, Jack Warner, Ricardo Teixeira und der argentinische Faschist und Antisemit Julio Grondona („Juden können keine Schiedsrichter sein“). Das passt also. Katar ist für die FIFA ein Traumpartner: reich und autoritär.

Man sollte das FIFA- und UEFA-Geschwafel über Rassismus und Menschenrechte nicht allzu ernst nehmen. Rassismus ist nur dann ein Problem, wenn er das Geschäft und die sportliche Leistungsfähigkeit tangiert.

Der Grund, warum viele Menschen die WM in Katar ankotzt, ist nicht die Jahreszeit. Für Europäer sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber für die Menschen auf der südlichen Halbkugel findet die WM fast immer im Winter statt. Auch über die geringe Bevölkerungsgröße des Austragungslandes könnte man noch hinwegsehen. Katar steht dafür, wie käuflich der Fußball geworden ist – und für seine hemmungslose Aneignung und Ausbeutung durch Privatpersonen. Reclaim the Game! Boykottiert die WM in Katar!

 

Dietrich Schulze-Marmeling ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien „Klopps Liverpool“, im Frühjahr folgt "Trainer. Die wichtigsten Männer im Fußball". Außerdem ist er Mitherausgeber des im Verlag Die Werkstatt erschienenen "Goldenen Buchs der Fußball-Weltmeisterschaft".