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blog vom 21.07.2020

Jack Charlton und der „moderne Fußball“

von Dietrich Schulze-Marmeling

Am 10. Juli 2020 verstarb Jack Charlton im Alter von 85 Jahren und nach langer Krankheit. Die Rückkehr seines Klubs Leeds United in die Premier League erlebte er somit nicht mehr.

 

Jack Charlton
Jack Charlton 1969

Der aus Ashington in der Grafschaft Northumberland stammende Innenverteidiger hatte im Zeitraum zwischen 1952 und 1973 allein 628 Ligaspiele (70 Tore) für Leeds bestritten. 1966 wurde Charlton mit England Weltmeister – an der Seite seines genialen Bruders Bobby, Spielmacher von Manchester United und der Three Lions, in dessen Schatten er stets stand.

1986 wurde Charlton Trainer der Auswahl der Football Association of Ireland (FAI). Seine erste Pressekonferenz geriet zum Desaster, denn viele Journalisten hatten sich Bob Paisley, der mit dem FC Liverpool dreimal den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte, als neuen Nationaltrainer gewünscht.

Aber Charlton konnte die Skeptiker schon bald überzeugen. 1988 führte er die Republik Irland zur ersten Teilnahme an einem großen Turnier, der Europameisterschaft in Deutschland. Bis dahin durfte nur der Norden der Insel bei den Großen mitspielen. (Nordirland war bei den WM-Turnieren 1958, 1982 und 1986 vertreten.) In ihrem ersten EM-Endrundenspiel schlugen die Iren England in Stuttgart sensationell mit 1:0. Es folgten ein Remis und eine knappe Niederlage gegen die späteren Finalisten UdSSR und Niederlande. Den Iren fehlten nur acht Minuten zum Einzug ins Halbfinale. Gegen den späteren Europameister Niederlande stand es bis zur 82. Minute 0:0, dann köpfte Wim Kieft einen von Ronald Koeman eigentlich als Torschuss geplanten Ball ins Tor –Irlands Keeper Pat Bonner wurde auf dem falschen Fuß erwischt und war chancenlos.

1990 war die Republik auch erstmals bei einer WM dabei und schaffte es bis ins Viertelfinale, wo man dem Gastgeber Italien mit 0:1 unterlag. Von den vier vorausgegangenen Begegnungen hatten die Iren zwar keine gewonnen, aber auch nicht verloren. Im Achtelfinale wurden die Rumänen per Elfmeterschießen bezwungen.

Auch bei der WM 1994 in den USA durften Charltons „Boys in Green“ mitspielen und schlugen zum Auftakt den späteren Vize-Weltmeister Italien mit 1:0. Dieses Mal war im Achtelfinale Endstation, wo die Niederlande mit 2:0 die Oberhand behielten.

„Find another Irishman“

Der Aufstieg der FAI-Auswahl hatte zwei Gründe, und für beide zeichnete Charlton verantwortlich.

Charlton machte aus der sogenannten Parental Rule die Granny Rule. Letztere bedeutete, dass für die Republik Irland spielen durfte, wer zumindest einen in Irland geborenen Großelternteil aufweisen konnte. FAI wurde bald mit „Find another Irishman“ übersetzt. Charlton konterte Kritik an seiner Rekrutierungspolitik mit der Bemerkung, dass Eamon de Valera, einer der Führer des Osteraufstands von 1916 und von 1959 bis 1973 Präsident der Republik Irland, auch kein gebürtiger Ire gewesen sei. (De Valera wurde in New York geboren, und sein Vater stammte aus dem Baskenland.) Auch der irische Nationalheilige St. Patrick sei nicht in Irland zur Welt gekommen. Er stammte aus Wales.

Bei der WM 1986 hatte Charlton beobachtet, dass alle Teams in der gleichen Weise spielten: Der Ball wurde aus dem hinteren Drittel heraus ins Mittelfeld gespielt. Das Mittelfeld wurde nie ohne Ball überbrückt. Charlton: „Jeder Spielzug ging durchs Mittelfeld. Und stets war das oberste Ziel, den Spielmacher frei zu spielen.“ Dieser war dann für den letzten (tödlichen) Pass verantwortlich.

Die meisten der in England kickenden irischen Nationalspieler waren dieses Spiel nicht gewohnt. Auch waren viele von ihnen technisch zu limitiert.

Charlton begegnete nun den häufig individuell besseren Gegnern mit einem schlichten Rezept. Seine Akteure sollten den Ball nichts durchs Mittelfeld laufen lassen, sondern aus dem hinteren Drittel ins vordere schlagen – hinter die gegnerischen Abwehrspieler, die dem Ball nun mit dem Gesicht zum eigenen Tor hinterherlaufen mussten. Mit pressenden irischen Angreifern im Rücken. Die gegnerischen Abwehrspieler sollten zu Fehlern gezwungen werden – und aus diesen Fehlern kreierten die Iren Torchancen.

Irlands Spielmacher war zu dieser Zeit Liam Brady, technisch zweifellos der beste Akteur der „Boys in Green“. Brady hatte von 1980 bis 1987 in der Serie A gespielt, bei Juventus Turin, Inter Mailand und Ascoli Calcio. Die italienische Liga galt damals als beste der Welt. Und der Fußball, der dort gespielt wurde, war ein komplett anderer als der von Charlton propagierte.

Also gab es in Charltons System keine Verwendung für Brady. Den Verteidigern wurde untersagt, den Ball durchs Mittelfeld zu spielen, wo Brady normalerweise der zweite oder dritte Empfänger gewesen wäre. Brady sollte nun weiter nach vorne rücken und pressen – was nicht sein Ding war.

Was heute als hochmodern firmiert, man ist versucht, den Charlton-Stil mit der schrillsten Form vom RB-Stil zu vergleichen, firmierte damals als „Underdog-Fußball“. Als eine Methode, mit der fußballerisch klar unterlegene Teams die Großen des Spiels in Schwierigkeiten bringen können.

Charlton war aber noch mit einer weiteren Maßnahme innovativ. Zu Beginn seiner Karriere als Coach der Iren stand ihm noch Liverpools Mark Lawrenson zur Verfügung, der aber bei der EM 1988 verletzungsbedingt ausfiel. Dem FC Liverpool diente Lawrenson als Innen- oder Außenverteidiger. Charlton war er für diese Positionen zu schade. (In der englischen Viererkette wurden die zentralen Verteidiger fast ausschließlich mit defensiven Aufgaben betreut, waren noch keine Spielgestalter.) Für Charlton war Lawrenson ein perfekter Allrounder und der kompletteste Spieler im britischen Fußball. Der Coach beorderte ihn nun zentral vor seine Vierer-Abwehrkette, wo Lawrenson durch die Mitte vorgetragene Angriffe des Gegners stoppen sollte, bevor die den Strafraum erreichten. Nach der Balleroberung sollte Lawrenson den Gegenangriff leiten. Und wurde einer der irischen Innenverteidiger aus seiner Position gespielt, musste er das Loch in der Viererkette stopfen. Charltons „Libero vor der Viererkette“ war gewissermaßen der „moderne Sechser“.

Der beliebteste Engländer in Irland

Ich mochte Charltons „Boys in Green“ als Underdog. Dass sie nicht „meinen Fußball“ spielten, war nebensächlich.

Und Jack Charlton mochte ich auch. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der mit seinen drei Brüdern ein Bett teilen musste und im Alter von 15 Jahren für kurze Zeit unter Tage gearbeitet hatte, um zum Familieneinkommen beizutragen. 1977 war Charlton mit Brian Clough der erste Trainer im englischen Fußball gewesen, der sich öffentlich gegen die rassistische National Front stellte. In den 1980ern solidarisierte sich der „knöcherne Held der Arbeiterklasse“ (Javier Cáceres) mit den streikenden Bergarbeitern. Die katholischen Iren schlossen den protestantischen Engländer in ihr Herz. Charlton ist noch heute Irlands beliebtester Engländer.

Die irische Insel war Charlton bei seiner Ankunft nicht unbekannt. Er besaß ein Haus im Westen der Republik, das ihm als Basis für seine Angeltouren diente.

Charltons Amtszeit korrespondierte wohl nicht zufällig mit dem Beginn einer Modernisierung und Säkularisierung des dahin stockkatholischen und konservativen Staats und der irischen Kultur. Soccer war nicht länger das Spiel der „Fremden“, der Engländer, dem die gälischen Spiele vorzuziehen seien. Soccer wurde integriert. Der Fußball bot die Möglichkeit, das moderne Irland auf der internationalen Bühne zu repräsentieren. Charltons „Boys in Green“ und deren Fans, beide schlossen die irische Diaspora mit ein, wurden zu Botschaftern eines modernisierten, weltoffenen Nationalbewusstseins.

1990 wurde erstmals eine Frau Präsidentin der Republik Irland. 2015 votierten bei einem Volksentscheid 62,1 Prozent der Iren für die gleichgeschlechtliche Ehe. Und noch mehr, nämlich 66,4 Prozent, stimmten 2019 für eine Lockerung des Abtreibungsverbots.

 

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Erscheint im Oktober:
"Trainer. Die wichtigsten
Männer im Fußball"

Von Dietrich Schulze-Marmeling erscheinen demnächst zwei neue Werke: „Klopps Liverpool“ und einer "Trainer. Die wichtigsten Männer im Fußball". Zuletzt veröffentlichte er in unserem Verlag „Reds. Die Geschichte des FC Liverpool“ und (zusammen mit Hubert Dahlkamp) "Preußen & Münster. Ein Sportclub und seine Stadt". Außerdem ist er Mitherausgeber des im Verlag Die Werkstatt erschienenen "Goldenen Buchs der Fußball-Weltmeisterschaft".

 

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