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blog vom 19.05.2020

"Die bisher anspruchsvollste Herausforderung meiner Reporterlaufbahn"

(Kein) Fußball in Corona-Zeiten (10)

Was bedeutete der Bundesliga-Stopp für eine Zeitungsredaktion? Wie wirkt sich der Stillstand des sportlichen Geschehens auf die tägliche Arbeit eines Sportjournalisten aus? Darüber sprach Dietrich Schulze-Marmeling mit Jan Christian Müller, dem leitenden Redakteur im Sportressort der „Frankfurter Rundschau“.

 

Am 13. März 2020 wurde die Bundesliga gestoppt. Wie darf man sich die erste Sitzung der Sportredaktion vorstellen? Wurden Redakteure in die Kurzarbeit geschickt? Gab es einen Schlachtplan, wie man in den nächsten Wochen die Seiten füllen kann? Letzteres ist euch bei der FR ja bestens gelungen – im Gegensatz zu anderen Zeitungen, bei denen sich vielleicht auch rächte, dass sie immer stark auf den Spieltag fixiert gearbeitet hatten.

Danke für das Lob. Aber um ehrlich zu sein: Man stellt sich die Arbeit in unserer Sportredaktion wahrscheinlich strategischer vor, als sie tatsächlich ist. In Wahrheit sind wir an einem normalen Wochenarbeitstag zu zweit oder dritt in der Redaktion – und hasten durch den Tag, denn unser erster Redaktionsschluss ist immer schon auf 16:30 Uhr terminiert. Weil dann auch noch recht zeitnah nach dem Bundesliga-Shutdown das Homeoffice und die Kurzarbeit folgten, wurden Absprachen noch komplizierter. Es gab also keineswegs einen Schlachtplan. Null-komma-null! Aber nicht nur unser Ressortleiter Jörg Hanau weiß ziemlich genau, wer wann wofür am besten zu gebrauchen ist.

Wie seid Ihr bei der Recherche aktueller Themen – gerade auch im Hinblick auf Corona – vorgegangen?

Sicher hat es geholfen, dass wir die Männer an den Schaltstellen des deutschen Fußballs und viele in den Klubs, zudem auch viele kluge Kollegen, über die vielen Jahre recht gut kennengelernt haben und so ein bisschen wissen, wie die ticken. Da kommt einem der Standort Frankfurt (Sitz von DFB und DFL, d. A.) natürlich enorm entgegen. Im Grunde haben wir dann einfach losgelegt, noch mehr als sowieso schon die anderen Medien in den Ressorts Sport, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verfolgt, recht bald in fixer Absprache ein Pro und Kontra zum geplanten Re-Start geschrieben, Porträts der beiden wichtigsten Protagonisten (DFL-Boss Christian Seifert und Mediziner Tim Meyer) verfasst und versucht, mitzukriegen, was hinter den Kulissen läuft. Und vor allem: Das, was läuft, einerseits (gesellschafts-)kritisch zu hinterfragen, andererseits aber auch wirtschaftliches Verständnis dafür aufzubringen, dass einer wie Seifert genauso für das einzige Produkt, das der Profifußball zu bieten hat und gegen den Umsatzeinbruch seiner Branche kämpft wie zum Beispiel auch Ingrid Hartges in Talkshows für den Hotel- und Gaststättenverband.

Und noch etwas ist wichtig: Unsere Zeitung gehört seit rund zwei Jahren zum Ippen-Verbund. Es kommen oft richtig gute Geschichten und Interviews von unseren Partnerzeitungen, mit denen wir täglich Texte austauschen. Die haben uns in diesen Zeiten besonders geholfen – und wir im Gegenzug auch ihnen.

Fredi Bobic, Eintracht Frankfurt, Geisterspiel
Geisterspiele unter Corona-Bedingungen: Auch den Journalisten stellen sich neue Herausforderungen. (Foto: Imago)

Wenn man beruflich fast jedes Wochenende Bundesligaspiele besucht – wie fühlt sich das an, wenn plötzlich wochenlang nichts läuft, man nicht einmal ein Training besuchen kann? Vermisst man den Spielbesuch, oder kann man sich auch als Sportjournalist an diesen Zustand gewöhnen?

Ich habe Live-Fußball wenig vermisst, sondern diese Zeit als bisher anspruchsvollste Herausforderung meiner inzwischen leider schon 35-jährigen Reporterlaufbahn erlebt. Um dem Thema gerecht zu werden, musste man bereit sein, sich – in Anbetracht unserer eher schlichten Fußballreporterhirne – doch recht komplexe Themenfelder reinzufummeln und trotz verordneter Kurzarbeit die Antennen 24/7 zur Decke zu strecken. Der journalistische Anspruch und die erlaubte dezimierte Arbeitszeit passten so gar nicht zusammen, was ich in der Tat sehr bedauert habe – deutlich mehr bedauert jedenfalls als den notwendigen Verzicht auf Stadion- oder Trainingsbesuche.

Am Wochenende wurde nun wieder gespielt. Wie war das für euch? Wie gestaltete sich der technische Ablauf? Und: Wie wichtig ist auch für Sportjournalisten „echte Stadionatmosphäre“?

Wir haben am Wochenende nur einen Reporter im Stadion gehabt – Ingo Durstewitz beim Spiel der Eintracht gegen Mönchengladbach. Er musste einen Fragebogen ausfüllen, am Stadioneingang wurde vom Roten Kreuz Fieber gemessen. Insgesamt sind bei jedem Bundesligaspiel aktuell zehn schreibende Journalisten jeweils mit Mund-Nasen-Schutz im gebotenen Abstand auf der Pressetribüne erlaubt. dpa, sid, Kicker, Springer, die lokale Presse des Heimteams, die lokale Presse des Auswärtsteams. Die Fragen zur virtuellen PK müssen bis Schlusspfiff in eine WhatsApp-Gruppe geschrieben werden. Die Pressekonferenz wird später in die Gruppe gestellt. Ingo hat die Stadionatmo sehr vermisst. Ich werde den von mir betreuten Klub Mainz 05 eher nicht besuchen können. Wir haben keine Kapazitäten aufgrund der Kurzarbeit. Die Mainzer Pressesprecherin Silke Bannick hat nach dem Spiel in Köln die Spieler persönlich interviewt und die kurzen Gespräche in eine WhatsApp-Gruppe gestellt. Tags darauf bot Mainz eine Skype-Konferenz mit Trainer Beierlorzer und dem Torschützen Pierre Kunde.

Deine Einschätzung: Welche Gefahren drohen der Fortsetzung des Spielbetriebs? Wie realistisch ist es in deinen Augen, dass die Saison „ordnungsgemäß“ beendet wird? Und: Deine Meinung zum Disput um einen „Plan B“, also die Abstiegs-, Aufstiegsregelung im Falle eines Abbruchs.

Mein Gefühl: Die Stimmung im Land hatte sich, je näher die Fortführung der Saison rückte, zunehmend negativer gegenüber dem Profifußball und der DFL entwickelt. Ich habe gerade meine Eltern in Bremen besucht. Der örtliche „Weser-Kurier“ ist voll von kritischen Leserbriefen auch gegen den Lieblingsklub Werder. Das hat mich in der Schärfe verblüfft. Die Kritik, die auch in unserem Blatt seit Jahren an den Exzessen im Profifußball formuliert wird, bricht in der Coronakrise mit einer Wucht und Wut durch, die ich in der Vehemenz nicht erwartet hätte. Das Eis ist dünn, aber es fällt mir schwer, eine realistische Einschätzung abzugeben, ob es bis Ende Juni/Anfang Juli oder sogar noch darüber hinaushalten wird. Offenbar traut ja sogar die DFL abstiegsgefährdeten Klubs zu, einen Saisonabbruch zu provozieren, möglicherweise in Zusammenarbeit mit örtlichen Behörden. Das wäre die perfide Variante. Ebenso könnten sich auch Menschen an Stadien versammeln, um für ein vorzeitiges Ende der Spielzeit zu sorgen, sei es, weil sie so ihre Mannschaft in der Liga halten oder gegen den Geisterfußball protestieren wollen – oder in ihrem Furor gegen irgendwelche anderen bösen Geister, die für dieses Virus verantwortlich sein sollen. Und klar: Trainer und Spieler sollten so selten wie möglich einkaufen gehen, live aus der Kabine filmen und auch nicht auf die Idee kommen, sich allzu viele Frisöre oder fremde Frauen ins Hotel zu ordern. Sowie vor allem: Die Ansteckungsgefahr für mehr als 1000 Profis in erster und zweiter Liga und 700 Trainer und Betreuer wird jetzt, nach der einwöchigen Quarantäne, natürlich wieder größer, da private soziale Kontakte ja wieder stattfinden dürfen. Wie reagieren die zuständigen Gesundheitsämter bei positiven Fällen? Mit Isolation einzelner Spieler oder mit Quarantäne für ganze Mannschaften? Ich erkenne da bisher keine Linie. Was erfährt die Öffentlichkeit? Es mangelt an der grundsätzlichen, flächendeckenden Bereitschaft zu Transparenz.

Der Plan B – Abstieg trotz Abbruch und Beibehaltung von einer 18er-Liga – zeugt nicht von Gemeinschaftssinn oder einem neuen solidarischen Denken. Die Klubs haben vor der Saison vertraglich verabredet, dass die 34 Spiele austragen und jeder gegen jeden einmal Heimrecht hat. Diesen Vertrag im Worst-Case-Szenario mit Absteigern auszuhebeln, zeugte von wenig Sportsgeist. Ich verstehe, dass juristische Streitigkeiten möglichst verhindert werden sollen, die braucht der Profifußball gerade überhaupt nicht. Wir sehen das am unerträglichen Zwist in der Dritten Liga, aus dem alle miteinander beschädigt herausgehen und der in der medial noch viel mehr ausgeleuchteten Bundesliga nur dafür sorgen dürfte, dass sich noch mehr Menschen angewidert abwenden. Also: Wenn ein Abbruch schon unausweichlich werden sollte, dann im Interesse aller mit dem Willen zum größtmöglichen Fairplay und der Idee, Ungerechtigkeiten zu minimieren: keine Absteiger, zwei Aufsteiger.

Es heißt ja immer so schön: In jeder Krise steckt auch eine Chance. In den letzten Wochen wurde viel über die Fehlentwicklungen des Profifußballs geredet. Wird Corona ein Überdenken des Systems befördern? Oder wird alles beim Alten bleiben, vielleicht sogar noch schlechter werden, weil die „Fußballfamilie“ noch weiter auseinanderfällt?

Eines wird auf alle Fälle schlechter: die Finanzausstattung der Klubs. Die sind jetzt noch mehr auf Kante genäht als sowieso schon, schieben zum Teil nun Kredite bei Banken, Stundungen bei Finanzämtern oder Verbindlichkeiten bei Gläubigern vor sich her, die sie vorher in dieser Form in dieser Höhe gar nicht kannten. Ganz gut fände ich es, wenn den ganz hartgesottenen Fans gerade gewahr geworden wäre, dass es noch ein paar andere gute Dinge im Leben gibt neben dem Fußball. Der hat für viele Menschen entschieden zu viel Bedeutung, was deren eigene Lebensqualität angeht. Ich glaube nicht, dass sich grundsätzlich etwas am System ändern wird, weil weiter sportlicher Erfolg das eigentliche Ziel ist und nicht wirtschaftlicher Erfolg. Aber natürlich könnten Stellschrauben gedreht werden, etwa eine Pflicht, alljährlich einen gewichteten Anteil am TV-Geld in einen Fonds zu investieren für schlechte Zeiten. Oder die nationalen TV-Gelder an alle gleich zu verteilen, was aber natürlich nicht automatisch bedeuten würde, dass alle Klubs danach über ein fettes Polster verfügen, der Wettbewerb wäre nur vermutlich etwas spannender, immerhin. Oder die Pflicht, sich gesellschaftlich mehr zu engagieren, was einige Klubs ja schon mit einiger Hingabe tun – was öffentlich aber ehrlicherweise kaum wahrgenommen wird. Insgesamt ist alles viel zu komplex, auch mit Blick auf den internationalen Wettbewerb, um einfache Antworten zu finden. Es ist halt ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb, darauf fußt das System. Zudem ist es aus meiner Sicht überfällig, dass die Bundesliga sich ein transparentes Financial Fairplay verordnet, denn die 50+1-Regel hat versagt. Die olle Regel konnte jedenfalls nicht verhindern, dass Hopp einen Dorfverein zum Champions-League-Teilnehmer entwickelt hat, der allenfalls in die Kreisliga gehört. Und sie hat auch nicht verhindert, dass Mateschitz dem inzwischen zum Titelanwärter gewachsenen RB Leipzig ein juristisches Gewand gegeben hat, welches die als Schutzwall vor Investoren gedachte 50+1-Regel der Lächerlichkeit preisgibt. Also: Weg damit, klügere Regelungen mit besserer Durchsetzungskraft her. Wird schwierig.

Letzte Frage an den Experten in Sachen Nationalmannschaft: Die EM wurde um ein Jahr verschoben. Wie wird sich das auf das Gesicht der Nationalmannschaft auswirken? Profitiert Löws Kader von der Verschiebung – gerade auch mit Hinblick aufi die WM 2022??

Die zusätzliche Zeitspanne dürfte Löw entgegenkommen. Es gab doch viele Verletzte, soweit ich mich düster an Vor-Corona-Zeiten erinnere? Aber: Keine Ahnung, was dann sein wird. Bin vollkommen überfragt. Ist irgendwie auch gerade total egal.

 

Jan Christian Müller
Jan Christian Müller

Jan Christian Müller ist leitender Redakteur im Sportressort der „Frankfurter Rundschau“.