Direkt zum Inhalt
blog vom 19.12.2019

Ein (fast) vergessener Fan

MIchael Tönnies in der Sprecherkabine des Wedaustadions
Michael Tönnies in der Sprecherkabine des Wedaustadions.

Von Jan Mohnhaupt

Es war im August 2011, als Michael Tönnies rund 15 Jahre nach seinem Karriereende seinen letzten Treffer erzielte. Er traf, ohne dass er das beabsichtigt hatte, nicht mit seinen Füßen auf dem Platz, sondern mit seinen Worten in einem Interview.

Der Grund für dieses Interview lag ebenfalls in der Vergangenheit. 20 Jahre zuvor, am 27. August 1991, hatte er beim 6:2-Sieg des MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC den schnellsten Hattrick der Bundesligageschichte geschossen. Drei Tore in fünf Minuten. Ein Rekord für die Ewigkeit, so schien es damals zumindest.

27. August 1991: MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC (6:2) ¬¬– das Spiel, das Michael Tönnies berühmt machte. Hier erzielt er das erste seiner fünf Tore gegen Oliver Kahn. Foto: Horstmüller
27. August 1991: MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC (6:2) – das Spiel, das Michael
Tönnies berühmt machte. Hier erzielt er das erste seiner fünf Tore gegen Oliver Kahn.
Foto: Horstmüller

Nun, zwanzig Jahre später, ging es vor allem um das, was einmal war, aber auch darum, was noch kommen sollte. Viel erwartete Michael Tönnies nicht mehr; er war sterbenskrank, ein Lungenemphysem machte jeden seiner Atemzüge zur Qual. Nur eine Lungentransplantation hätte ihn noch retten können. Doch er hatte diese Option aus Angst längst verworfen.

„Wieviel Zeit bleibt Ihnen noch?“, wurde er gefragt.

„So werde ich keine 60 mehr“, sagte er. Es war ein Satz wie ein Schuss. Mitten ins Herz.

Heute ist der Tag, von dem Michael Tönnies damals sprach, als sei er unerreichbar. Im Grunde hat er es auch nicht geschafft. Und dennoch so viel mehr.

Denn was nach diesem Interview geschah, sucht bis heute wohl vergeblich Vergleichbares in der Welt des Fußballs: dass Fans einem ehemaligen Spieler halfen, seinen Lebensmut wiederzufinden. Sie gestalteten ein Album, schrieben darin von ihren Erlebnissen mit ihm, vom Bundesliga-Aufstieg 1991, vom Hattrick. Davon, dass sie als Kinder sein wollten wie er. Es war dieser massenhafte Zuspruch – und die harte, beharrliche Unterstützung einiger weniger danach –, die dafür sorgten, dass Michael Tönnies kurze Zeit später beschloss, sich doch für die lebensrettende Transplantation listen zu lassen. Es folgte ein anderthalb Jahre dauernder Kampf mit unzähligen Untersuchungen, kleinen Hoffnungsschimmern und vielen Rückschlägen. Als er nach drei Fehlversuchen im April 2013 endlich wieder aus der Narkose erwachte, jubelte ganz Duisburg. Michael Tönnies hatte seinen größten Zweifler besiegt. Sich selbst. Doch als er endlich nach Hause kam, lag wiederum sein Verein am Boden. Es war der 29. Mai 2013, der Tag, an dem dem MSV die Lizenz für die Zweite Liga entzogen wurde.

Ein Fan der Fans

Michael Tönnies wollte nun etwas zurückgeben. Der Verein machte ihn zum Co-Stadionsprecher. Vor jedem Heimspiel intonierte er mit den Fans die Mannschaftsaufstellung. „Danke!“, rief er ihnen zum Schluss jedes Mal zu. „Bitte!“, schallte es ihm aus tausend Kehlen entgegen. Und hier war das kein abgedroschenes Ritual. Hier dankte ein alter Fußballer seinen Anhängern, dass sie ihn vor dem Tod bewahrt hatten. Auch wenn ihn viele dort auf den Rängen nie selbst hatten spielen sehen, so kannten sie doch seine Stimme.

Das Schicksal keines anderen Spielers war so eng mit dem MSV verbunden wie seines. Dank ihm gab es eine Zeitlang eine besondere Nähe zwischen dem Rasen und den Rängen. Und diese Nähe kostete er bei jedem Spiel bis zum Schluss aus. Zehn Minuten vor dem Abpfiff machte er sich stets langsam auf den Weg. Von der Sprecherkabine hinunter durchs Treppenhaus, hinter der Gegentribüne entlang, bis er wieder im Innenraum des Wedaustadions stand. Dort stellte er sich dann an die Eckfahne. Das Spielfeld vor Augen, die Schreie und das Rauschen im Rücken. Meist schaute er aufs Feld, doch ab und zu drehte er sich um und ließ seinen jungenhaften Blick über die Tribüne schweifen. Hinauf zu denen, die ihm wieder aufgeholfen hatten und doch noch immer zu ihm aufschauten – und für die er mehr denn je ein Held war, seit er zurückgekehrt war. Michael Tönnies war mehr als ein ehemaliger MSV-Profi. Er war ein Fan der Fans.

Es war eine intensive Zeit. Wahrscheinlich begann sie bereits im Mai 2011, als mehr als 20.000 Duisburger ihre hoffnungslos unterlegene Mannschaft trotz eines 0:5-Rückstands im Pokalfinale gegen Schalke 04 im Berliner Olympiastadion feierten, als seien sie im Begriff, den Pott zum ersten Mal nach Duisburg zu holen. Es war die Zeit, als die Vizemeister von 1964 endlich zu späten Ehren kamen. Es war die Zeit, als Tausende Fans für ihren Verein nach dem Lizenzentzug im Sommer 2013 auf die Straße gingen und Mahnwachen vor dem Stadion abhielten. Es war die Zeit, als 18.000 beim ersten Heimspiel in der Dritten Liga so laut waren wie selten zuvor und nie mehr danach. Und es war eben diese Zeit, als Michael Tönnies aus dem Abseits zurück auf den Rasen und in die Mitte des Vereinslebens geholt wurde.

Fast vier Jahre dauerte sein zweites Leben, bis er eines Morgens im Januar 2017 plötzlich mit Nasenbluten ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort angekommen, brach er zusammen und starb kurz darauf an einer Lungenembolie mit gerade einmal 57 Jahren.

Der Geist ging verloren

Es deutete sich bereits kurz nach seinem Tod an, als lediglich einige Vereinsvertreter zur Beerdigung erschienen, nicht aber die Profimannschaft, die sich lieber auf ein „wichtiges“ Spiel am nächsten Tag vorbereiten sollte. Dabei war Michael Tönnies nicht irgendwer für sie gewesen. Er war ihr Stadionsprecher gewesen und hatte ihnen 2016, als sie schon so gut wie abgestiegen waren, in engem Kreise Mut zugesprochen. In der Folge hatten sie aus den letzten sechs Spielen zwölf Punkte geholt, den Tabellenzweiten und -dritten geschlagen und so noch den Sprung in die nicht mehr für möglich gehaltene Relegation geschafft. Wo sie dann allerdings kläglich versagten.

Der MSV tat nach Michael Tönnies' Tod nur das Mindeste. Es gab eine Gedenkfeier vor dem nächsten Heimspiel. Vor der Fankurve stellte man eine Stele mit seinem Konterfei auf, und der bislang namenlose Vorplatz – eher eine betonierte Auffahrt – wurde nach ihm benannt. Es blieb allein bei diesen Gesten.

Es scheint, als sei mit Michael Tönnies mehr gestorben als nur ein Mensch. Mit ihm ging das Gespür für das, was den MSV in einer der schwersten Zeiten der Vereinsgeschichte ausgemacht hatte, verloren. Von dem besonderen Geist, der 2011 im Pokalfinale aufkam, der den Klub mit durch den Sommer 2013 trug und der Michael Tönnies wieder Mut machte, ist heute, rund drei Jahre nach seinem Tod, fast nichts mehr zu spüren.

Es hätte Möglichkeiten gegeben, die Erinnerung an ihn nicht nur aufrecht zu halten, sondern fortleben zu lassen. Etwa indem man die Rolle als Co-Stadionsprecher bei jedem Spiel einem anderen verdienten alten Spieler oder Kind von den Rängen überlässt. Die Mannschaftsaufstellung wird aber mittlerweile wieder so beliebig zelebriert wie in den meisten anderen deutschen Fußballstadien. Aber vielleicht ist der MSV am Ende auch genau das – ein beliebiger Verein?

Ein Wunsch: die „Michael-Tönnies-Tribüne“

Über den nach Michael Tönnies benannten Platz schrieb ich vor zwei Jahren: „Dieser Ort wird die Duisburger stets daran erinnern, dass sie einmal etwas gerettet haben, das viel kostbarer ist als alle Trophäen der Welt. Ein Menschenleben.“ Mittlerweile sehe ich das etwas anders. Denn gerade hier zeigt sich das Dilemma: Die Fans ziehen auf dem Weg ins Stadion meist eilig an ihm vorbei. Die betonierte Auffahrt ist kein Ort zum Verweilen. Drinnen geht das Spiel ohne ihn weiter. Wenn schon der Name „Wedaustadion“ für einen Sponsoren geopfert wurde, so wäre zumindest eine „Michael-Tönnies-Tribüne“ ein Zeichen wahrer Wertschätzung. Auf diese Weise würde wenigstens etwas von jenem Geist dieser Zeit in die Gegenwart hinübergerettet. Aber so bleibt er außen vor.

michael tönnies
1. Dezember 2011: als die Vergangenheit ihn einholte. In seiner Stammkneipe überreichen ihm
die MSV-Fans ein persönliches Album. Von links nach rechts: Lothar Woelk, Andreas Kraitzek,
Rebecca Ellmann, Michael Tönnies, Karsten Kramer, Uwe Kober, Natascha Weyers, Michael
Wildberg, Nicki Beaujean und ganz unten Marius Richter. Foto: imago

Michael Tönnies zurück ins Leben geholt zu haben, ist immer noch einer der größten Erfolge in der Geschichte des MSV und der Stadt Duisburg. Und alle, die daran beteiligt waren, können stolz sein, dass sie Teil hatten an einem wahrhaftigen Märchen. Aber was ist davon geblieben? Verein und Fans sind zur Tagesordnung übergegangen. Sportlich läuft es zwar so gut wie lange nicht. Aber in Duisburg weiß man auch, dass der Erfolg ein flüchtiger Zeitgenosse ist und hier oft weniger Bestand hat als ein Stau auf der Autobahn 59.

Womöglich ist nach drei Ab- und zwei Aufstiegen in den vergangenen sechs Jahren Ernüchterung eingekehrt. Vielleicht ist es der übliche Lauf der Dinge. Niemand sei größer als der Verein, heißt es dann oft. Aber ein Fußballverein ist nur so groß wie die Menschen, die ihn gestalten. Wenn man jedoch die vergisst, die ihn geprägt haben, wird jeder belanglos und beliebig. Auch der MSV.

 

Jan Mohnhaupt
Jan Mohnhaupt

Jan Mohnhaupt, 1983 im Ruhrgebiet geboren, ist als freier Journalist und Buchautor tätig. Das Spiel vom 27. August 1991 war sein erster Besuch im Wedaustadion. Zwei Jahre begleitete er das Idol seiner Kindheit und schrieb 2015 mit „Auf der Kippe. Die zwei Leben des Michael Tönnies“ dessen Biografie.

Zuletzt erschien von ihm "Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete" (Hanser). Im März 2020 erscheint sein neues Buch "Tiere im Nationalsozialismus" (Hanser).