Popularität ist kein göttliches Schicksal | Verlag Die Werkstatt Direkt zum Inhalt
blog vom 27.04.2022

Popularität ist kein göttliches Schicksal

Popularität ist kein Schicksal. Wie etwa die erfolgreiche Liga América im Mexiko der frühen 1970er-Jahre zeigt, wurde Frauenfußball oft populär, sobald er Raum bekam. Es braucht gleiches Investment für gleiche Beliebtheit, nicht umgekehrt. Die Equal-Pay-Debatte wird aber auch inkonsequent geführt: Systemische Veränderung tritt in den Hintergrund. Was gleicher Lohn für gleiche Arbeit wirklich hieße, ist im Sport nie diskutiert worden.

Ein Auszug aus "Futopia. Ideen für eine bessere Fußballwelt" von Alina Schwermer

Futopia Alina Schwermer Ideen für eine bessere Fußballwelt
Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli über Alina Schwermers Buch:
„‚Futopia‘ ist eine Anregung zur Aktivität, Gestaltung und Partizipation.
Wer sich für Themen wie Kaderobergrenzen, Quotenregelung (…)
und eine weitergedachte 50+1-Regelung interessiert, findet Argumente
und Ideen für viel Dickbrettbohrerei und jahrelange Diskussionen
in Entscheidungszirkeln. Dafür bedanke ich mich sehr.“

Körnige Videos zeigen das Estadio Azteca in Mexiko voll besetzt mit Fans. Es ist die WM 1971, eine alternative Weltmeisterschaft im Frauenfußball. Und 110.000 sind gekommen, um ihr Team zu unterstützen; die Mexikanerinnen stehen im Finale gegen die Titelverteidigerinnen aus Dänemark. Sie unterliegen mit 0:3, werden aber gefeiert. So schildert es das sehr lesenswerte Buch „Futbolera“ von Brenda Elsey und Joshua Nadel, die die unbekannte Geschichte des Frauenfußballs in Südamerika recherchierten. Diese Weltmeisterschaft eines alternativen Verbandes ist nicht grundlos nach Mexiko vergeben worden. In den späten Sechzigern und frühen Siebzigern gibt es in Mexiko, fast vergessen: eine sehr populäre Frauenliga. Der mexikanische Männerfußball befindet sich zu dieser Zeit in der Krise; schlechtes Management, Korruption, viele Klubs stehen kurz vor dem Ruin, Presse und Fans sind unzufrieden. Unterdessen hat sich das Leben mexikanischer Frauen durch Urbanisierung, höhere Bildung und eigenen Broterwerb tiefgreifend verändert, sie begehren auf. Auch im Fußball. Und im Gegensatz zu anderen Ländern erkennen männliche Journalisten und Manager nicht (nur) eine Bedrohung ihrer Hegemonie, sondern eine kommerzielle Chance. Die Zeitungen beginnen, über Frauenfußball zu berichten.

Diese Männer muss man sich wohl nicht als Feministen vorstellen; vor allem sind sie daran interessiert, selbst Geld mit der Liga zu machen, während die Frauen gefälligst Amateurinnen bleiben sollen. Auch die Berichterstattung bleibt sexistisch. Und doch betonen Elsey und Nadel: „Die Berichterstattung über die Liga América nahm den Sport ernst. 1969 waren die Bilder und Sprache, mit denen die Frauen beschrieben wurden, weit weniger herablassend als in den folgenden Jahren und, tatsächlich, als heute. Die Spielkommentare analysierten die Fähigkeiten und Spielstile der Frauen. Die Zeitung agierte auch als eine Art Promotor der Liga.“ Es ist kein Wachstum aus Mitleid, sondern aus kommerzieller Logik. 1969 wird das erste Spiel live im Fernsehen übertragen; die Zeitung „El Heraldo de México“ berichtet täglich über die Frauenliga, andere folgen, dann schreibt sie auch über europäischen Frauenfußball. Immer mehr Fans kommen, die Frauen werden Stars, sie erhalten Spitznamen und Ehrenempfänge. Das Heimländerspiel zwischen Mexiko und Italien läuft 1970 vor 60.000 Zuschauer:innen im Stadion, die Spiele werden regelmäßig übertragen. Eine ganz normale Liga.

Immer wieder heißt es: Frauen im Fußball könne man doch nicht anständig bezahlen, denn Frauenfußball wolle ja niemand sehen. Wer so argumentiert, hat nicht viel von der Geschichte des Fußballs verstanden. Sportarten sind nicht durch irgendein göttliches Schicksal populär. Sie werden populär durch eine Kombination aus politischen Umständen, Massengeschmack und, ja, Investment. Man muss investieren, um später einen Gewinn zu erzielen. Es ist nicht gesagt, dass dieser Gewinn kommt. Aber dass er ohne Investment nicht kommt, ist offensichtlich.

Ungleichheit durch Reichtum

Wäre das Spiel der Frauen bei gleicher Bezahlung und gleicher Unterstützung so beliebt geworden wie das Spiel der Männer? Womöglich. Kann es das werden? Es ist viel Zeit vergangen, in der es fast nur Männerfußball geben durfte auf der Welt. Es wird Jahrhunderte dauern, das aufzuholen. Und Abwertung ist nicht der einzige Grund, warum Frauenligen unbeliebter sind, damit würde man es sich zu einfach machen. Kraft und Tempo definieren den Sport. Die Dynamik junger, männlicher, gesunder Körper definiert, was uns gefällt, zumindest in den meisten Sportarten. Alles andere weicht von der gewohnten Ästhetik ab. Aber die Geschichte kann den Menschen bei solchen Prophezeiungen etwas Demut lehren. Noch im 18. Jahrhundert zählte beim am Hof betriebenen Sport weder ein Sieg noch ein Höher, Schneller, Weiter, sondern die Eleganz der Bewegungen. Worauf eine Gesellschaft im Sport Wert legt, ist ständig im Fluss. Ewige Herrschaften und Wahrheiten gibt es nicht, nicht mal das Römische Reich oder die Katholische Kirche packten das. Und ein Leistungssport nach den alten Ideen des 19. Jahrhunderts, dominiert von jungen, gesunden Männern, ist möglicherweise schneller passé, als wir gerade ahnen.

Die Sportjournalistin Nicole Selmer entlarvt die gesellschaftlichen Doppelstandards mit Blick auf die (Männer-)Amateure: Für die fordere jeder mehr Geld. Und es sage niemand, da guckt ja eh niemand zu. Gleichberechtigung geht nur mit gleichen Mitteln. In keiner Branche aber ist die Geschlechterdiskriminierung so extrem wie im Sport. Der Report „Global Sports Salaries Survey“ (GSSS) von 2017 formuliert es so: „Wie viele Männer-Profiligen gibt es? Hunderte. Wie viele bei den Frauen? Fast keine. Unsere beste Schätzung ist: Es gibt 137.021 männliche Fußballprofis auf der Welt. Und 1.287 weibliche. Oder, um es anders zu formulieren, 0,93 Prozent der weltweiten Fußballprofis sind Frauen.“ Weibliche Halbprofis sind da schon mit eingerechnet, Hunderttausende männlicher Halbprofis nicht. Der GSSS-Report bilanziert: „Nirgendwo, nicht in der Chirurgie, nicht bei Astronauten, nicht bei Chefs großer Unternehmen sind die Zahlen so ungleich.“

Frauenfußball Barcelona Wolfsburg Camp Nou
FC Barcelona gegen den VfL Wolfsburg in der Champions League vor gut 91.000 Zuschauer:innen im Camp Nou gilt offiziell zwar als Weltrekord,
doch bereits 1971 gab es in Mexiko ein Spiel vor 110.000 Fans. (Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Weil der Fußball reich ist

Im englischen FA Cup lag 2019 das gesamte Preisgeld der Frauen bei unter einem Prozent von dem der Männer. In Deutschland lag die Entgeltlücke bei der Bezahlung von Männern und Frauen 2017 in der Gesamtgesellschaft bei 21 Prozent, bei DFB-Prämien dagegen betrug sie laut „Spiegel“ 87,5 Prozent, war also viermal so hoch. In der Männer-Bundesliga verdient ein Spieler in einer Partie so viel wie eine Spielerin im Jahr. Die Liste lässt sich fortsetzen. Entgegen der Fifa-Behauptungen, man kümmere sich um eine Angleichung des Frauenfußballs, wächst die Lücke weiter. Die Fifa etwa hat zwar den Preistopf für die WM von 2015 bis 2019 auf 30 Millionen verdoppelt, gleichzeitig aber füllten sich die Töpfe der Männer in absoluten Zahlen viel stärker; von 358 Mio. Dollar 2014 auf 400 Mio. bei der WM 2018. Warum ist das so?

Weil der Fußball reich ist. Es gibt einen ganz erstaunlichen Zusammenhang. In der Leichtathletik oder beim Schwimmen klagt niemand darüber, dass Olympiasieger:innen und Weltmeister:innen der Männer und Frauen gleiche Prämien erhalten – obwohl die Männer auch dort jeder Frau davonlaufen, davonspringen und davonschwimmen würden. Der englische „Telegraph“ berichtete 2017, dass 83 Prozent aller Sportarten ihren Männern und Frauen gleiches Preisgeld zahlten. Und es waren nicht die mit den kleinsten Leistungsunterschieden. Es gab einen anderen Zusammenhang: Je mehr Geld der Sport generierte, desto ungleicher wurde verteilt. Es geht um Macht.

 

Alina Schwermer, Jahrgang 1991, hat Journalistik und Geschichte studiert in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Sie ist freie Sportjournalistin unter anderem für die „taz“, die „Jungle World“ und die Deutsche Welle und beschäftigt sich gerne mit gesellschaftlichen und politischen Sportthemen. Auf nosunsets.de schreibt sie über Reisebegegnungen. Im Verlag Die Werkstatt erschien 2018 ihr Buch „Wir sind der Verein. Wie fangeführte Klubs den Fußball verändern wollen. Neun Geschichten von Deutschland bis Israel“ und in diesem Jahr "Futopia. Ideen für eine bessere Fußballwelt".

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