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blog vom 02.07.2021

Die UEFA, die Kleinen und Deutschlands Bester

Vorrunde und Achtelfinals sind gespielt, die Deutschen sind raus. Zeit also für ein Zwischenfazit der Europameisterschaft 2021 von Kieran Schulze-Marmeling. Und der Gewinner auf deutscher Seite ist für ihn jemand, der "nur" als Experte dabei ist: Christoph Kramer.

Christoph Kramer Euro2020 Experte ZDF
ZDF-Experte Christoph Kramer ist für Kieran Schulze-Marmeling der Gewinner der Europameisterschaft 2021. (Foto: ZDF/Sportstudio/Screenshot)

Mit Organisatoren von Veranstaltungen, egal ob Partys, Konzerte oder Fußballturniere, ist es ein bisschen so wie mit Schiedsrichtern. Das größte Lob ist, wenn man sie gar nicht wahrnimmt. Dann haben sie keine Fehler gemacht und perfekte Bedingungen für das eigentliche Event geschaffen. Von der UEFA kann man das aktuell sicher nicht behaupten. Natürlich kann man das schreckliche Unglück um Christian Eriksen niemanden zum Vorwurf machen, wohl aber den Umgang damit. Druck auf traumatisierte Akteure, Druck auf von der Pandemie gezeichnete Städte, Mauscheleien mit Autokraten, Pandemie-Sonderrechte für VIPs, die Verweigerung eines Statements für Menschenrechte – jeden Tag eine neue Story. Die UEFA dürfte meine Party jedenfalls nicht organisieren.

Umso erstaunlicher wie viel Spaß dieses Turnier bisher bringt. Nach mehr als einem Jahr Geisterspielen, war die Vorfreude doch sehr verhalten. Tatsächlich sind die Begegnungen aber eine willkommene Abwechslung von der Überdosis und der durch die Corona-Unterbrechung zusätzlich verstärkten Dichte an Vereinswettbewerben. Zwar werden auch bei diesem Turnier Trends eher bestätigt als neu geschaffen.

Mut und Risikobereitschaft bei vielen Teams sorgten bisher aber häufig für einen hohen Unterhaltungswert, gipfelnd in dem spektakulärem Achtelfinal-Montag mit 14 Toren plus ein Elfmeterschießen und dem doch arg überraschenden Ausscheiden des großen Favoriten Frankreich gegen nie aufgebende Schweizer. Allgemein fällt auf, wie sehr auch die vermeintlich kleineren Fußballnationen darauf bedacht sind, fußballerische Lösungen zu finden und ihr Heil nicht allein in der Defensive zu suchen.

Ungarn beispielweise verteidigte gegen Deutschland zwar tief, war in eigenem Ballbesitz und in den Kontern aber selbstbewusst auf kontrollierte Lösungen aus. Den langen Bällen auf Zielspieler Szalai gingen meist kurze, gegnerbindende Pässe voraus, die Raum für Szalais Ablagen schufen. Ähnlich mutig traten die meisten der „Kleinen“ im eigenen Ballbesitz auf. Nordmazedonien, Wales oder die gar nicht mal so kleinen Dänen seien hier exemplarisch erwähnt.

Große Probleme bei den „Großen“

Dementsprechend groß waren die Probleme bei einigen der vermeintlich „Großen“. Restlos überzeugt haben bisher wohl am ehesten Italien und Belgien. Für die deutsche Mannschaft gilt das natürlich nicht. Das Ausscheiden gegen England war die logische Konsequenz durchwachsener Leistungen im Turnier, das schon in der Vorbereitung von einer gewissen Schwere begleitet wurde, die das Team auf dem Platz nie ablegen konnte. Es wirkte, als ob die Spieler wollten, aber nicht konnten. Als ob die Angst vor dem Verlieren größer war als die Lust auf das Gewinnen.

Zu Jogi Löw wurde vorher und nachher so viel geschrieben, dass einem schwindelig wurde, wenn man den Fehler beging, die Sportpresse breitflächig zu lesen. Es gibt wohl kaum eine dermaßen selbstbewusste Branche wie die des Sportjournalismus, wo schwer erfahrene und jahrelang ausgebildete Fußballlehrer sich intensiv von Leuten angehen lassen müssen, die in den meisten Fällen selbst weder Trainerschein noch Erfahrung im Führen einer Gruppe von 26 meist hochdekorierten und selbstbewussten Individuen gesammelt haben.

Magazin A schreibt, Kimmich müsse rechts spielen, Magazin B, dass er ins Zentrum gehöre. Was sie eint: der Absolutismus, mit dem die Meinungen vorgetragen werden. Als ob es nicht für beide Varianten Argumente geben würde. Im Falle einer Niederlage tritt aber wieder Einigkeit ein: Löw ist schuld! Gibt es eigentlich einen Grund dafür, warum speziell Löw und Guardiola so häufig mit dem Begriff „Vercoached“ konnotiert werden? Ist es der Erfolg, den sie jahrelang hatten, der sie besonders angreifbar macht? Oder weil sie nicht immer nach Schema F handeln? Oder sind es persönliche Befindlichkeiten, weil beide nicht jede ihrer Handlungen transparent machen?

Gegen England kann man mal verlieren

Fern von Fehlern, die der scheidende Bundestrainer und sein Personal zweifellos gemacht haben, gibt es zwei Dinge zu konstatieren: Erstens kann man natürlich gegen England verlieren. Treffen diese beide Mannschaften aufeinander, wird es keine Garantien geben, schon gar nicht bei der Menge an außergewöhnlichem Talent, über das die englische Mannschaft verfügt. Zweitens – und das scheint mir speziell mit Blick auf die Zukunft das deutlich größere Problem zu sein als Löw bzw. Kroos oder Kimmich auf rechts, Dreier- oder Viererkette etc. – ist die deutsche Mannschaft einfach sehr unausgewogen besetzt. Einer Vielzahl an zentralen Mittelfeldspielern auf Weltklasseniveau stehen große Mängel auf der Position der Außenverteidiger (der Grund für die Dreier-/Fünferkette ist ja, dass nachvollziehbarerweise keinem Außenverteidiger zugetraut wurde, auf entsprechendem Niveau in einer Viererkette zu verteidigen) sowie der des Mittelstürmers gegenüber.

Vergleicht man das DFB-Team hier mit anderen Nationen, ist mir schleierhaft, wie man mit dem allergrößtem Selbstverständnis Anspruch auf eine Top-Platzierung erheben kann. Wo Frankreich Benzema hat, England Harry Kane, Belgien Romelu Lukaku und bei Portugal mit André Silva einer der absoluten Top-Stürmer der Bundesliga nur von der Bank kam, klafft bei der deutschen Mannschaft eine große Lücke.

Zeit für Reformen

Der Hauptgrund für das Ausscheiden Deutschlands ist in meinen Augen ganz einfach der, dass die Mannschaft im Vergleich mit der europäischen Spitze nicht gut genug ist. Natürlich ist der Qualitätsunterschied nicht so riesig, dass man ihn nicht während eines Turniers mit Hilfe einer besonderen Stimmung gepaart mit Glück auch mal situativ kompensieren kann und es so trotzdem weit bringen könnte. Aber groß genug, dass ohne das Eintreten dieser Faktoren unterm Strich nur ein Sieg aus vier Spielen steht.

Deutschland hat sich in einer stark besetzten Gruppe durchgesetzt und ist im Achtelfinale gegen England mit einer relativ hilflosen Vorstellung ausgeschieden. Dass das kein Jogi-Löw-Problem ist, hat der Verband längst erkannt. Neue Reformen sind bereits angestoßen und sollen wieder zu Positions-Spezialisten auf Top-Niveau führen. Die Zeit drängt, aber wie immer wird es dauern, bis sich der Erfolg einstellen wird. Bis dahin könnte es in Bezug auf Titel eine Durststrecke geben. Diese Zyklen gibt es auf absolutem Weltklasseniveau. Der eine legt vor, gewinnt Titel, wiegt sich in Zufriedenheit. Die anderen sind angestachelt, legen nach, kopieren, sind hungrig – und so geht es wieder von vorne los.

Frankreichs Ausscheiden, von den meisten vorher als der riesengroße Favorit angesehen, scheint das ebenso zu belegen, wie der schon häufig genannte Fakt, dass von den letzten fünf Weltmeistern vier im nächsten Turnier nicht einmal die Gruppenphase überstanden haben.

Christoph Kramer: der große Gewinner

Einen großen Gewinner gibt es auf deutscher Seite dann doch noch. Christoph Kramer war in seiner Rolle als Experte für mich der beste deutsche Akteur des Turniers. Es ist kaum zu fassen, mit welchem Talent er diese Rolle ausfüllt. Sachlich, empathisch, charmant, fern von jedem Schwarz-weiß-Denken, inhaltlich herausragend gut – er personifiziert im Grunde alles, was der breiten öffentlichen Diskussion über das Spiel abhanden geht. Leider hat auch sein Sender ihm nicht immer den Raum gegeben, den er verdient gehabt hätte. Als er nach dem Ungarn-Spiel eine Diskussion mit dem ebenfalls guten Experten Peter Hyballa über die Möglichkeiten gegen einen tiefstehenden Gegner startete, schien Kramer kurz zu zucken – als überlege er, aufzustehen und mit Hyballa direkt am Bildschirm zu fachsimpeln. Man wünscht sich, der Sender hätte die beiden machen lassen.

 

Kieran Schulze-Marmeling arbeitet bei Preußen Münster in den Bereichen Scouting und Talententwicklung sowie als Trainer der U23.