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blog vom 16.02.2022

Der FC Bayern und die Studie des Instituts für Zeitgeschichte

Dietrich Schulze-Marmeling hat viele Fragen der deutschen Fußballgeschichte als einer der ersten aufgegriffen und publizistisch bearbeitet. Dies gilt insbesondere auch für die lange Zeit verschüttete und ignorierte „jüdische Vergangenheit“ des FC Bayern. Hier begrüßt unser Autor die neue Studie zur NS-Geschichte des FCB.

 

Am 22. Januar 2022 veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ ein ausführliches Interview mit Gregor Hofmann, Autor einer Studie des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) über den FC Bayern in der Zeit des Nationalsozialismus. Auslöser der Studie war ein Disput zwischen Markwart Herzog und mir gewesen. Prof. Dr. Lorenz Peiffer empfahl damals dem FC Bayern, das IfZ mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung zu beauftragen.

Auf die Frage, wie er nun über die Standpunkte der beiden Streithähne, also Herzog und Schulze-Marmeling, denke, antwortete Hofmann: „Ich glaube, beide Seiten haben ihre Berechtigung. Bei Schulze-Marmeling lag der Fokus von Anfang an auf den jüdischen Mitgliedern. Er hat viele wichtige Personen des FC Bayern wieder ans Licht gebracht. Herzog hat die andere Seite betrachtet und wichtige Korrekturen angebracht. Insofern hoffe ich, dass meine Arbeit beide Perspektiven zusammenbinden und ergänzen und natürlich eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse liefern kann.“

Mein „innerer Auftrag“ lautete tatsächlich, die in Vergessenheit geratenen und aus der Geschichte geschriebenen jüdischen Bayern-Mitglieder in diese zurückzuholen. Die Täterseite spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle, wurde erst in der dritten Auflage (2017) stärker betont.

 

FC Bayern
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Dietrich Schulze-Marmeling gehört zu den profiliertesten und produktivsten Fußballautoren und -historikern in Deutschland. Seit 1992 hat er zur Geschichte des Fußballs, zu deutschen und internationalen Vereinen (u.a. LiverpoolCeltic und Barcelona) sowie zu zahlreichen weiteren Themen rund um unseren beliebtesten Sport publiziert. Demnächst erscheint: "Tradition schießt keine Tore" (zusammen mit Marco Bode), hier vorbestellen.

 

 

Die IfZ-Studie

Im Folgenden einige der von Hofmann getätigten Aussagen und ein Abgleich dieser mit meinen Veröffentlichungen. Dabei beziehe ich mich auf das erwähnte Interview und einen Bericht des Instituts.

 

Der FC Bayern im NS

Gregor Hofmann: „Es ist so, dass der FC Bayern mit Sicherheit ab 1933 keine einfache Zeit durchgemacht hat. Das liegt aber an vielen strukturellen Faktoren. Der FC Bayern ist zwar vom Verlust seiner jüdischen Funktionäre und Sponsoren betroffen gewesen. (…) Und es ist auch nicht so, dass der FC Bayern absichtlich benachteiligt wurde. (…) Dem FC Bayern wurde aus dem Rathaus oder aus der Gauleitung konkret geholfen. Es gibt zum Beispiel die Geschichte um Ludwig Goldbrunner. (…) Er hat mit seinem Abschied kokettiert. In der Situation greift 1934 das Rathaus ein, sorgt dafür, dass er zur Stadt kommt, verbeamtet wird und deshalb in München bleibt.“

Bei Schulze-Marmeling lesen wir in „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis“ (2017) u.a.: „Vor allem eines scheint dem Verein Probleme zu bereiten: die Re-Amateurisierung des deutschen Spitzenfußballs, der vor Beginn der Nazi-Herrschaft auf dem Sprung zum Professionalismus schien. (….) Beim FC Bayern kommt hinzu, dass seine engagierte Jugendarbeit, das Aushängeschild des Klubs und die Basis seines Aufstiegs an die nationale Spitze, vom NS-Regime beeinträchtigt wird. (…) Im Juli 1936 wird mit einem Dekret der Gau-Behörde die Juniorenklasse aufgehoben, um alle Hemmnisse, die dem ‚freiwilligen Arbeitsdienst‘ entgegenstanden, aus dem Weg zu räumen. Im selben Jahr schließen der Reichsbund für Leibesübung und die Hitler-Jugend (HJ) einen Vertrag ab, demzufolge alle Jugendlichen unter 14 Jahren aus den Sportvereinen sofort ausgegliedert werden. Formell bedeutet dies die Auflösung der Schülerabteilung des FC Bayern ab 1. Dezember 1936 (S. 165, 167-168). Von einer systematischen, speziell auf den „Judenklub“ FC Bayern abzielenden Diskriminierung ist bei mir also nicht die Rede. Wohl von strukturellen Veränderungen in der Organisation des Spitzenfußballs nach 1933. An anderer Stelle referiere ich den Verlust jüdischer Funktionäre und Sponsoren (S. 165-166, 227-257). Vereine ohne jüdische Funktionäre und Sponsoren hatten einen solchen natürlich nicht zu beklagen. Der Fall des Spielers Goldbrunner wird auch von mir bereits erwähnt (S. 206). Meine Ausführungen sind also keine Welten entfernt von dem, was Gregor Hofmann der „Süddeutschen Zeitung“ berichtet.

Die deutsche Nationalelf 1934, mit den Bayern-Spielern Goldbrunner (5. v.r.) und Haringer (3. v.r.)
Die deutsche Nationalelf 1934, mit den Bayern-Spielern Goldbrunner (5. v.r.) und Haringer (3. v.r.)

Die Arisierung des FC Bayern:

Hofmann: „Wenn man auf den Umgang mit jüdischen Mitgliedern blickt, muss man im Vergleich sagen: Während der TSV 1860, der1.FC Nürnberg oder die Spielvereinigung Fürth schon 1933 ihre jüdischen Mitglieder rausschmeißen, dauert das beim FC Bayern bis 1935. Er ist da also Nachzügler. Und noch in den Jahren 1934 und 1935 nennt die Vereinszeitschrift verdiente jüdische Mitglieder namentlich und lässt ihnen dadurch eine Ehrung zuteilwerden.“ Im Bericht des IfZ heißt es des Weiteren: „Ein Spezifikum stellt aber auch dar, dass jüdische Münchner beim FC Bayern bis 1933 rund ein Zehntel der Mitglieder stellten und dass das Miteinander nach der Machtübernahme nicht mit einem Mal fortzuwischen war: Der FCB bekannte sich noch 1934 und 1935 mehrfach in seinen Clubnachrichten zu den Namen jüdischer Mitglieder.“ Dies entspricht auch meiner Einschätzung (S.178 – 208).

„Vereinsführer“ Siegfried Herrmann

Hofmann: „Ich glaube, dass es beim FC Bayern 1933 Streit gegeben hat. Und es ging dabei um Antisemitismus und Politik. Es gibt in Siegfried Herrmann 1933 einen Vereinsführer, der einerseits Tempo macht beim Führerprinzip und dessen Herz sicher nicht an der Republik hängt. Er ist kein Widerständler und kein Held, aber er stellt sich den radikalen Antisemiten offenbar insoweit entgegen, dass der Arierparagraf beim FC Bayern nicht sofort eingeführt wird.“ Im IfZ-Bericht heißt es dazu: „So etablierte der erste „Vereinsführer“, Siegfried Herrmann, zwar zielstrebig das „Führerprinzip“. Den ‚Wehrsport‘ führten aber andere Klubs schneller ein. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Herrmann in diesen Monaten radikalen Antisemiten im Verein – er selbst sprach von ‚Judenfressern‘ – die Stirn bot. Herrmann hielt an seiner Vorstellung einer Gemeinschaft ‚alter Bayern‘ fest, innerhalb der er zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern nicht zu unterscheiden gewillt war und die damit in offene Konkurrenz zu einer antisemitisch definierten ‚Volksgemeinschaft‘ trat. Der Verein würdigte verdiente jüdische Mitglieder (zunächst) weiterhin. Das illustriert, welche Handlungsspielräume Fußballfunktionäre besaßen.“

Bei Schulze-Marmeling liest sich das ähnlich:

„Herrmann war kein Anhänger einer liberalen Demokratie und nationalistisch gesinnt. Aber dem Nationalsozialismus und dessen radikalem Antisemitismus stand er ablehnend gegenüber“ (S.186). „Mit diesem Prinzip (gemeint ist das ‚Führerprinzip‘, Anm. d. A.) hat Herrmann keine Probleme, da es ihm ermöglicht, den Klub nach seinen Vorstellungen zu führen. (..) Die Vorgaben des Regimes werden für die eigenen Absichten instrumentalisiert.“ (S.196). „Herrmann tritt bei der Arisierung auf die Bremse: ‚Nach wie vor stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein Sportverein gemäß seinen Bestimmungen  a l l e n  Personen Gelegenheit zur sportlichen Betätigung bieten und geben soll, die eine solche in seinen Reihen suchen. ‘ (…) Herrmann spielt auf Zeit und versucht die zumindest anfangs existierenden Spielräume zwischen Müssen und Können voll auszuschöpfen“ (S. 200). „Keine Probleme hat Herrmann mit der Gleichschaltung politisch oder religiös geprägter Sportverbände“ (S. 202).

In einem Artikel des „Spiegels“ war Herrmann als treibende Kraft der Arisierung des Vereins dargestellt worden – verbunden mit einer Kritik an einer Ausstellung des Bayern-Museums.

Wurde der FC Bayern als „Judenklub“ denunziert?

Hofmann: „Die Vokabel ‚Judenklub‘ hat ein Problem. Sie ist erst nach 1945 in den Quellen zu finden. Sie ist oft mit einem Entlastungsnarrativ verbunden. Das heißt: Ehemalige Funktionäre stehen im Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer und verweisen dann darauf: Ich war beim FC Bayern, der als Judenklub beschimpft worden ist.“ „Süddeutsche Zeitung“: „Und traf das zu?“ Hofmann: „Es gibt zwei Quellen, die darauf verweisen, dass den FC Bayern vor 1945 ein entsprechender Ruf umweht hat. (Anm. d. A.: Diese beiden Quellen werden auch in meinem Buch erwähnt, auf den Seiten 209 und 224). (…) Doch so einen Ruf hatten auch andere Klubs. Und es hatte meistens damit zu tun, dass die Vereine in der völkischen Denkweise mit jüdisch konnotierten Zuschreibungen versehen waren: vermeintlich reich, vermeintlich abgehoben. Ich glaube, dass der Ruf also gar nicht so viel damit zu tun hatte, dass der Anteil jüdischer Mitglieder beim FC Bayern so hoch war.“

Dies sehe ich etwas anders. Allerdings lässt sich weder das eine noch das andere beweisen. Die damalige Sportberichterstattung war mit der heutigen nicht zu vergleichen, social media gab es nicht, somit auch keine Fan-Blogs. Es gibt also kaum Material, aus dem sich die Stimmung gegenüber dem FC Bayern ablesen lässt.

Der FC Bayern hatte einen jüdischen Präsidenten, jüdische Sponsoren, jüdische Trainer und auffallend viele jüdische Mitglieder – mit etwa zehn Prozent lag der Anteil der Juden deutlich über dem in der Gesamtgesellschaft Münchens. Dass dies in der Rezeption des Klubs in der „Hauptstadt der Bewegung“, die schon 1919 einen antisemitischen Furor erlebt hatte, keine Rolle gespielt hat, dass der FC Bayern nur auf Grund von „Arroganz“ und „Reichtum“ als „Judenklub“ diffamiert wurde, mag ich nicht glauben. Auch dass einige Bayern in ihren Entnazifizierungsverfahren auf ihre Mitgliedschaft in einem „Judenklub“ verweisen, spricht meines Erachtens dafür, dass dieses Etikett schon vor 1933 häufiger benutzt wurde. Aber wie gesagt: beweisbar ist es nicht, lediglich naheliegend.

Völlig richtig ist Hofmanns Hinweis auf ein Entlastungsnarrativ. Dieses wurde nicht nur von einzelnen Mitgliedern, sondern auch von der Klub-Führung strapaziert. Typisch hierfür ist die Festschrift zum 50. Jubiläum (S. 295-297). Und richtig ist auch, dass der Begriff „Judenklub“ als historisch-analytische Kategorie nicht taugt. Dies wurde von mir aber auch nie behauptet.

War der FC Bayern ein „liberaler Klub“

Hofmann sagt nein. Im IfZ-Bericht heißt es: „Die Bayern (bildeten) in der Weimarer Republik eine bürgerlich geprägte, aber politisch heterogene Gruppe, deren Spannweite von Sozialdemokraten bis hin zu Rechtsextremen reichte.“ Dies wurde von mir nicht bestritten. Auch verwies ich auf ein schon frühes Mitwirken von Nazis im Verein, was kaum verwundert, da die Bayern-Heimat Maxvorstadt / Schwabing eine frühe nationalsozialistische Domäne war. „Hochburg des lokalen Antisemitismus ist die in der Maxvorstadt gelegene Universität, wo bereits Mitte der 1920er Jahre die Präsenz von Juden, ob als Lehrende oder Lernende, ganz offen infrage gestellt wurde.“ (S. 180) „Auch im FC Bayern gibt es schon vor 1933 Anhänger des Nationalsozialismus und Mitglieder der NSDAP. Beispielsweise die späteren Dietwarte Slipek, Schur und Meier“ (S. 181, es folgen dann Porträts dieser Dietwarte). ) „Es gibt frühzeitig Warnungen vor dem Wirken von Nationalsozialisten im Verein. Im Dezember 1930 mahnt der jüdische Jugendfunktionär Otto Albert Beer in den ‚Club-Nachrichten‘: ‚Ferner wünsche ich meinem Verein, dass an seiner Neutralität in politischer und religiöser Beziehung nicht gerüttelt wird. Unter dieser Tendenz ist der FC Bayern, wie überhaupt der deutsche Fußballsport, groß geworden, und ein schüchterner Versuch gerade in unserem Verein, hiervon abzuweichen, brachte einen sehr negativen Erfolg. Derartige Ideen nisten nur in den Köpfen von Novembersportlern (S. 182).“ (Die „Novembersportler“ sind eine Anspielung auf den Hitler-/Ludendorff-Putsch vom November 1923.)

Meine Bezeichnung des FC Bayern als „liberaler Klub“ bezog sich nicht auf politische Präferenzen, die Köpfe des Klubs wurden von mir als eher konservativ-autoritär / nationalkonservativ porträtiert. „Liberal“ bezog sich auf die „fußballkulturelle Orientierung“ bzw. den Streit von Kurt Landauer und Co. mit der DFB-Führung sowie auf die Offenheit des Klubs gegenüber jüdischen Bürgern. Aber Gregor Hofmann hat Recht, wenn er konstatiert, dass eine Offenheit gegenüber der Moderne im Spiel nicht durchgehend vorhanden war. „Das massenkulturelle Unterhaltungsgut Fußball rief Faszination ebenso wie Abscheu hervor, und auch ‚Bayern‘ schlossen an Kultur- bzw. Modernekritik an oder ventilierten Vorstellungen von Gemeinschaft, die Individualismus und Pluralismus rundheraus ablehnten. In seiner Gänze kann der FC Bayern daher nicht als Beispiel für einen ‚liberalen‘ Fußball dienen, stattdessen bildete er charakteristische Konflikte der Weimarer Gesellschaft ab.“ (Bericht des IfZ)

Post 1945

Hofmann widmet sich auch der Zeit nach 1945: „Man sieht auch, dass der Verein nach 1945 nicht nur eine Heimat für zurückgekehrte Juden und anders Verfolgte wird, sondern auch die Integration von NS-Belasteten betreibt, vom Arisierungsprofiteur bis zum Parteimitglied.“ Bei mir heißt es unter der Überschrift „Die Rückkehr der NSDAP-Mitglieder“: „Wie Siegfried Herrmann bemüht sich auch Landauer um die Mobilisierung ‚der Alten‘. (…) Weder Herrmann noch Landauer machen dabei vor ehemaligen NSDAP Mitgliedern halt (Schulze-Marmeling 2017, S. 280). Anschließend widme ich mich den Fällen von Toni Jutzi, Karl Ambach und Ferdinand Meier. Sowie dem „Fall Bermühler“. Das langjährige Bayern-Mitglied Hans Bermühler, der dem FCB auch als Spieler und Präsident diente, hatte die Rückkehr der Nazis scharf kritisiert (S. 280-286). Auch liest man bei mir über antisemitische Vorfälle im Klub nach 1945 (Landauer kontra Fischer / Lämmle, S. 306-309).

Fazit

Das Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ wie ein erster Bericht des IfZ lassen vermuten, dass Gregor Hofmann eine saustarke und spannend zu lesende Studie gelungen ist, die tiefer geht als alles, was bislang auf diesem Gebiet veröffentlich wurde. Vieles von dem, was Hofmann im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erzählt und der Bericht des IfZ enthält, beispielsweise auch die Identifizierung des Dietwarts Theo Slipek und des „Vereinsführers“ Josef Kellner als rabiate Nazis, kennt man. Aber Interview und Bericht lassen darauf schließen, dass Bekanntes kräftig mit Fakten untermauert wurde. Und deuten an, dass es in der Studie auch viel Neues zu entdecken gibt, beispielsweise die akribische Analyse der Mitgliedschaft und deren politische Präferenz. Prof. Dr. Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ und Betreuer der Arbeit: „Mit diesem Forschungsprojekt haben der FC Bayern und das Institut für Zeitgeschichte beispielhaft neue Wege beschritten. Vor allem der methodische Ansatz der Untersuchung Gregor Hofmanns weist weit über eine Vereinsgeschichte des FC Bayern hinaus.“

Man tut der Studie Unrecht, ja, man banalisiert sie, würde man sie als Schiedsspruch in Sachen „Historikerstreit“ betrachten. (Dieser Begriff wurde von mir weder eingeführt noch benutzt, da es sich im Vergleich zum echten „Historikerstreit“ der 1980er-Jahre doch um eine eher kleine Sache handelt und dieses Etikett nach Marketing und Hochstapelei riecht. Nein, zu einem Jürgen Habermas oder Hans-Ulrich Wehler reicht es bei den Akteuren nicht.) Ganz abgesehen davon, dass Hofmanns Bewertung sehr differenziert ausfällt: Sie taugt nicht zum Triumphgeschrei irgendeiner Seite. Es sei denn, man unterschlägt die Stellen, an denen der Autor einem widerspricht.

Ein Problem wird aber auch die beste Studie nicht lösen können, nicht im Bereich der Geschichtswissenschaften: Manches wird man nicht klären können, wird Vermutung bleiben. Einige Vorgänge wird man auch weiterhin unterschiedlich interpretieren. Und da Historiker, Publizisten und Journalisten keine politischen Neutren sind, schwingt dann häufig auch ein Schuss Subjektivität mit. (Was ich hier mitnichten Gregor Hofmann unterstelle! Eher schon mir …) Das ist natürlich unbefriedigend, aber zugeben, dass man es nicht weiß, zumindest nicht hundertprozentig, ist manchmal ein Beleg für Klugheit. Die österreichische Gerichtspsychologin und „Dummheits-Forscherin“ Heidi Kastner fragt in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Wann haben Sie das letzte Mal von irgendwem gehört: ‚Das weiß ich nicht‘? Kastner erzählt von einer Radiosendung, in der man Leute auf der Straße befragt hatte, wo der Zugang zum Internet sei. Und wie verblüffend es war, wie viele Leute versuchten, auf diese irrwitzige Frage eine Antwort zu geben anstatt zu sagen: „Ich weiß es nicht.“

Ja, wir wissen es nicht. Das wird bei mancher Frage auch so bleiben.

 

Zur Studie des IfZ siehe:

„Dem FC Bayern wurde aus der Gauleitung geholfen“. Interview mit Gregor Hofmann in der „Süddeutschen Zeitung“ v. 22/23. Januar 2022

https://www.ifz-muenchen.de/fileadmin/user_upload/Leuchttuerme/2022-01_FC_Bayern_im_Nationalsozialismus/Projektergebnisse_Der_FC_Bayern_im_Nationalsozialismus.pdf

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